
Günter Grass und sein Gedicht sorgten unlängst für viel Wirbel
Meine Güte, was hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (*1927) mit seinem “Gedicht” für eine Welle losgetreten! Kein Medium, dass nicht die vergangene Woche mit Grass Schlagzeilen produzieren konnte. Viele Literaten und Künstler generell wünschten sich einmal im Leben eine so große Bühne! Kleiner Tipp: In Deutschland reicht es aus, die Worte “Israel” und “Kritik” in einen Textkorpus einzubauen, in Relation zu setzen und mit einigen unnötigen und daher bewusst provokanten Angriffsflächen zu garnieren. Das Echo ist garantiert und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Worte “Antisemitismus”, “Schuld” und “Verantwortung” beinhalten. Eben das klassische Koordinatensystem der speziellen deutsch-israelischen, wobei man besser sagen sollte der deutsch-jüdischen Beziehungen. Kritik an Israel aus Deutschland gleich Antisemitismus? Nein danke!
Auf diese einfache, aber populistisch wirksame und oft gebrauchte Formel lässt sich alles herunterbrechen, was auch nur entfernt den Hauch hinterlässt, alte nie verheilte Wunden neu aufzureißen. Es ist ein Reflex auf ein großes und wichtiges Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte, nahezu das Brechen eines Tabus bzw. ein Verstoß gegen den bundesrepublikanischen Habitus, grundsätzlich pro-israelisch eingestellt sein zu müssen. Wie sagte Bundesmerkel so deutlich: “Die Sicherheit Israels gehört zur deutschen Staatsräson”. Kritik an Israel wird zum Sakrileg in einer Demokratie! Bei allem Respekt vor der Vergangenheit, bei allem Bewusstsein für Schuld (vieler Deutscher, aber nicht aller – was gerne vergessen wird) unseres Landes in der Rechtsnachfolge des NS-Staates und der damit verbundenen Verantwortung gegenüber dem jüdischen durch das deutsche Volk (ja, ich habe das verbotene Wort gesagt, denn nur weil wir uns selbst nicht erlauben den Wortschatz der Nationalsozialisten zu gebrauchen, macht es uns gegenüber die ganze Welt): Manche Dinge müssen gesagt werden!
Soweit gehe ich mit Grass konform, auch wenn ich seine Kritik inhaltlich in manchen Punkten für aufgesetzt und falsch halte. In anderen Aspekten hat er wiederum Recht! Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass ich persönlich das hinbekomme, was viele Menschen nicht können, nicht wollen oder nicht einsehen: Das jüdische und von uns Deutschen im Holocaust mit den übelsten Menschenverbrechen nahezu ausgerottete Volk und der moderne Staat Israel sind für mich zwei Paar Schuhe! Dieser intellektuelle Spagat verbietet sich für viele Menschen in unserem Land unter dem Stichwort “Staatsräson”, um bei Bundesmerkel zu bleiben, doch ich nehme ihn für mich bewusst in Anspruch. Das Judentum ist eine sehr interessante, ja faszinierende Religion und sicherlich ist sie in Israel prägender als bei uns heutzutage das Christentum, doch Religion ist nur ein Aspekt von Gesellschaft. Eine Gleichsetzung von jüdischem Volk und dem Land Israel mag zwar der religiösen Überlieferung entsprechen, aber sie muss in einem aufgeklärten Zeitalter – und das nehmen wir für uns in Kauf, auch wenn wir davon immer noch so weit entfernt sind wie Israel und die Arabische Welt von einem tragbaren modus vivendi – einer Prüfung standhalten, die sie in meinen Augen nicht besteht. Für mich ist der Staat Israel in seiner heutigen Form deutlich getrennt zu sehen vom Judentum als religiöse Säule. Man bedient sich der Religion gerne, um unangenehme Dinge abzublocken, packt die Keule Antisemitismus hervor und knüppelt alles nieder, was anti-israelisch erscheint. Doch ist das der Weg des 21. Jahrhunderts?
Ein anderer Aspekt, den ich vor meiner eigenen Israelkritik aufgreifen möchte, ist meine persönliche Distanz zur Tätergeneration. Meine Eltern sind nach dem Krieg geboren, meine Großeltern spielten in meiner Erziehung nur eine untergeordnete Rolle und das Thema Weltkrieg wurde nur zaghaft und selten aufgegriffen. Nationalsozialistisches Gedankengut kam nicht vor, eine Auseinandersetzung mit der deutschen Verantwortung und Schuld jedoch auch nicht. Durch meine Studienkombination Geschichte und Religionswissenschaft fühle ich mich in der Lage, sowohl der enormen historischen Tragweite des NS-Regimes und des Holocausts, als auch der jüdischen Religion als frühes Kernelement des Staates Israels Rechnung zu tragen, zu reflektieren und zu bewerten. Ich und weite Teile der deutschen Bevölkerung haben eine so große Distanz zwischen Ausschwitz und Gegenwart gelegt, dass das Thema “Schuld” sich auf persönlicher Ebene allmählich ausgereizt haben dürfte und zusammen mit dem Thema “Verantwortung” zwar eine bedeutsame, jedoch nach außen deutlich eingeschränktere Rolle in der deutschen Gesellschaft und Politik spielen sollte. Nationalsozialismus und Holocaust dürfen nicht vergessen werden und ich bin mir sicher, dass das auch nicht so schnell passieren wird. Aber die beteiligte Generation stirbt aus, bald ist sie selbst Geschichte. Wann, wenn nicht jetzt darf man allmählich den Griff von der eigenen Kehle nehmen sobald es um Kritik an Israel geht? Ich denke man muss sich sogar gerade jetzt erlauben, sich Luft zu verschaffen!
Grass hat seine Wurzeln in der braunen Vergangenheit, daher traf ihn die Keule “Antisemitismus” voll und in einigen Aspekten zu Recht. Doch seine Kritik an Israel ist dadurch nicht das Produkt ewiggestriger Senilität, sondern auch die Äusserung eines der klügsten und intellektuellsten Deutschen der Gegenwart! Grass hat sein “Gedicht” angreifbar gemacht, nicht klar genug differenziert und in einigen Punkten lag er daneben. Aber wenn er “mit letzter Tinte” eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Thema angestoßen hat, dann bin ich ihm zu Dank verpflichtet, denn manches muss eben gesagt werden! Ich hoffe ich habe mich mit diesen einleitenden Zeilen klar positioniert, um nun meine eigene Kritik an Israel anbringen zu können.
Die Gründung des Staates Israel nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in einer seit Jahrhunderten kulturell zwar jüdisch beeinflussten, aber mit Sicherheit nicht geprägten Region. Das Christentum in römischer und byzantinischer Ausprägung, sowie viele hundert Jahre gelebte islamische Kultur überlagerten die Rudimente des biblischen Israels. Die Bildung Israels im arabisch-muslimisch dominierten Raum glich damit der Installierung eines sowjet-kommunistischen Bundestaates in den USA zur Zeit des Kalten Krieges! Das ist natürlich überspitzt, aber Fremde vor die eigene Haustür gesetzt zu bekommen ist immer befremdlich. Vor allem dann, wenn sich die Neuankömmlinge bzw. die sich erneut nach beinahe zweitausendjähriger Diaspora ansiedelnde Urbevölkerung (blödes Wort, aber es trifft den Nagel auf den Kopf) in der Folge das Recht einer zweiten Landnahme nimmt, sich gegenüber der arabischen Welt abschottet und letztlich sogar auf elementare Konfrontation geht. Natürlich ist es einfach, aus unserer Sicht über die Vergangenheit zu urteilen, doch der Staat Israel war nunmal kein Produkt des Dialogs, der Völkerverständigung oder eines Kompromisses, er war das Diktat der Weltmächte! Trotz der vielfältigen Probleme, die ein solcher Kunststaat mit sich bringt, gelang Vieles, doch misslang Elementares: Es erfolgte keine Integration in das arabische Umfeld, gleichwohl auch umgekehrt Israel nicht integriert wurde. Die Zeichen standen auf Sturm und stehen es auch heute noch, denn Israel erkämpfte sich sein religiös-legitimiertes Existenzrecht ohne Rücksicht auf die arabische Umwelt und auf die durch die Staatsgründung zu Einwohnern des Staates Israels gewordenen Araber.
Das gegenwärtige Bild Israels ist für mich besorgniserregend, vor allem aufgrund seiner Parallelen zur deutsch-jüdischen Vergangenheit. Das unterdrückte Volk wurde zu Unterdrückern, das wie Vieh in Ghettos gepferchte Volk baut Mauern, nicht nur um sich selbst nach aussen hin, sondern auch um die arabische Bevölkerung von elementaren Grundrechten abzuschotten. Auf Kosten der jahrhundertelang dominierenden Einwohnerschaft wird durch älteres Recht die Landnahme durch Siedlungsbau- und Erschließungsprojekte fortgesetzt. Integration? Fehlanzeige! Doch auch die arabische Welt ist dazu erst seit jüngerer Zeit zum Teil bereit, mit langer Verzögerung setzte der Dialog ein, der eigentlich schon 1948 notwendig gewesen wäre. Das Ergebnis nach jahrzehntelanger Ablehnung und gegenseitiger Bekämpfung steht noch aus – und es ist fraglich, ob es dazu kommen wird. Denn um den Bogen zu Grass’ “Gedicht” zu schlagen: Israel – sich durch Iran bedroht sehend, aber in Wahrheit durch selbstgewählte, isolatorische Außenpolitik in einer Sackgasse verrannt – droht mit Waffengewalt die atomaren Bemühungen Irans zu beenden. Das wäre ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht! Ahmadenidschad, der iranische Präsident, ist ein zutiefst abzulehnender Politiker, einer dieser “Führer”, die die Weltgeschichte zum eigenen Leidwesen immer wieder hervorbringt. Doch sein Land hat jedes Recht der Welt, Atomtechnologie zu entwickeln und zu nutzen. Sogar in der Waffentechnik, auch wenn ein Ahmadenidschad mit einem Roten Knopf so ziemlich das Übelste ist, was ich mir vorstellen kann. Aber darf die nicht legitime – im Sinne des Atomwaffensperrvertrages – Atommacht Israel dieses Szenario mit nicht-sanktionierter Waffengewalt beenden? NEIN!
Ein Angriff Israels unter gefühlter oder realer Rückendeckung der USA (größte jüdische Bevölkerungsgruppe ausserhalb Israels) und Deutschlands (Stichwort “Staatsräson”) wäre eine Bankrotterklärung gleich auf mehreren Ebenen. Die erste ist die bilaterale, doch diese ist schon seit Jahrzehnten durch das gleich einem Magneten abstoßende Verhalten der beiden Nationen obsolet. Die zweite ist die regionale Ebene, auf der jeglicher entstandener Dialog im Zuge der andauernden Friedensgespräche mit einem Schlag zunichte gemacht wäre. Oder glaubt jemand im Traum daran, dass Israel sich selbst unter den moderatesten Nachbarn mit einem Waffengang Freunde machen würde, geschweige denn Verbündete finden würde? Und es wäre drittens natürlich eine Katastrophe für den globalen Dialog und die entsprechenden multilateralen Organe. Es wäre schlicht und ergreifend ein Versagen der demokratischen und völkerrechtlichen Weltanschauung, sowie der Nationen, die für sich selbst den Anspruch als Weltmacht erheben. Die israelische Vergangenheit vor 1948 wäre dann das Sahnehäubchen, denn im Grunde hat dann weder Israel noch die Welt aus der Katastrophe des Holocausts gelernt!
Der einzig gangbare Weg ist der des Dialogs, denn nur auf diplomatischer Ebene kann ein unserem westlichen Selbstverständnis entsprechendes Ergebnis erzielt werden. Auch wenn es für die Integration des Staates Israel in den arabischen Kulturraum viel zu spät erscheint, so ist das der nötige Weg! Israel muss nach innen den Palästinensern die Hand reichen, aller terroristischer Vergangenheit und Gegenwart zum Trotz. Ebenso muss Israel nach aussen dialogbereit auf seine Nachbarn zugehen, darf die Früchte jahrzehntelanger Diplomatie nicht mit einem wilden Aufstampfen zertreten. Die Folgen eines israelischen Angriffs auf einen unabhängigen Staat – und nichts anderes ist der Iran trotz aller Bedenken auch meinerseits – sind unabsehbar. Im arabischen Raum würde sich Widerstand regen, wenn nicht offen in Form von Kriegshandlungen, dann in Form von Abbruch diplomatischer Beziehungen. Der Funke des Krieges, den Israel in den Iran tragen würde, könnte auf Nachbarländer wie Afghanistan oder Irak überspringen, in denen die Demokratisierung nach westlichem Vorbild scheinbar misslungen ist und für die ein – auch religiös legitimierter – Konflikt eine neue Identifikations- und Sinnstiftung darstellen könnte. Um es auf den Punkt zu bringen: Alles, was die USA und ihre Verbündeten an Werten und Hilfen in die Region gepumpt haben, droht verloren zu gehen! Daher kann die Maxime nur heißen: Stoppt Israel dabei, den Iran zu stoppen! Die Welt kann keinen Funken in der Nähe der größten Pulverfässer der Gegenwart gebrauchen, ein Eingreifen muss Israels Regierung vor sich selbst retten. Auch wenn ein kalter Krieg mit gegenseitiger atomarer Abschreckung zwischen Iran und Israel droht: Die anderen arabischen Länder wären Israel gegenüber dialogbereiter, wenn dieses den Finger vom Abzug nehmen und auf die arabische Welt zugehen würde! Alles nur ein Traum? Mag sein, doch wenn man die Hoffnung auf friedliche Lösungen aufgibt, dann dreht sich die Spirale der Eskalation ungebremst weiter.
Die Haltung der Bundesrepublik dieser Situation gegenüber muss daher in meinen Augen von der Vergangenheit entkoppelt werden, die Sicherheit der Welt darf meiner Meinung nach nicht hinter eine Palisade von “Schuld” und “Verantwortung” zurückgestellt werden! Deutschland muss sich klar zum demokratisch-globalen Dialog bekennen und in dieser Sache auch einmal gegen Israel Position beziehen. Der Iran darf nicht aussen vor bleiben, keine Frage. Er muss natürlich mit allen friedlichen Mittel bearbeitet werden, die das derzeitige westliche Weltkonzept hergibt. Auch ein “wir akzeptieren euer Recht auf friedliche atomare Forschung” muss möglich und darf kein Tabu sein. Die Atombombe als Geißel der Menschheit ist weiterhin die ultima ratio für manch einen verwirrten Geist, klarer Fall, und Iran und Nordkorea gehören nicht zu den gewünschten Atomwaffenbesitzern, auch klar. Doch am Ende greift Israel den Iran an und wir erleben erneut, dass es für diesen Kriegsgrund keine Beweise gibt. Dann wäre der Frieden der Völker für ein Luftloch geopfert worden! Iran und Nordkorea müssen wie alle anderen Länder der Welt lernen, auf Atomwaffen zu verzichten. Dazu gehört ein globaler Dialog, kein auf egozentrischen Weltbildern basierender Krieg!
Das musste gesagt werden – und es ist ein langes “Gedicht” geworden. Hoffen wir, dass die internationale Gemeinschaft es schafft, Israel auf den gemeinsamen Boden zurückzuholen, den es durch eigene Weltanschauung geblendet und durch selbstgewählte Isolation zu verlassen droht. Israel oder Iran ist also keine Alternative: Beide gehören durch die internationale Staatengemeinschaft ernst genommen und bestmöglich integriert. “Wunschdenken” mag mir manch einer vorwerfen, klar. Aber was ist die Alternative und zu welchem Preis? Darf man Israel “machen lassen”, nur weil es eine besondere historische Komponente gibt? Nein! Grass hat dieses Thema in die Medien gehoben und sagte, was gesagt werden muss. Zwar hat er sich dabei in einigen Aspekten vergriffen und an anderen verhoben, aber er hat hoffentlich viele Menschen zum Nachdenken gebracht. Auch ohne die Reflexkeule zu spüren, da mein “Gedicht” sicherlich nicht so weit verbreitet werden wird, müssen wir Grass dankbar dafür sein, dass er an diesem Stachel der gegenwärtigen Vergangenheit gewackelt hat!
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