Wacken 2015 – Sumpf war Trumpf

Mal ehrlich: Alle Freunde harter Rockmusik können doch froh sein! Froh, dass zwischen zwei Wacken Open Airs immer gut und gerne dreihundertsechzig Tage liegen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was dieses Mal los gewesen wäre, wenn die Unmengen an Staub aus dem Vorjahr sich nicht zurück in Wiesen und Äcker verwandelt hätten. Das Wacken Open Air 2015 wäre wohl nicht ins Wasser gefallen, aber kreative Wortschöpfer hätten sicherlich einige Synapsen anstrengen müssen, um einen passenden Begriff für die Kombination aus Unmengen von Dreck mit kübelweise Regenwasser (145 Liter/m² in drei Tagen…) plus Ackerboden zu finden. In Ermangelung ihres spekulativen Endergebnisses bleibe ich bei dem Wort, dass dem Erlebten am nächsten kommt: Sumpf war Trumpf in Schleswig-Holstein 2015! Die Organisatoren taten alles, um den Wasser- und schließlich Matschmassen Herr zu werden, mussten aber schließlich an vielen Stellen kapitulieren. Immerhin: Das Wetter besserte sich an den letzten beiden Festivaltagen und Sonnenschein transformierte in Verbindung mit Kampf- und Gummistiefeln wenigstens einen größeren Teil des Sumpfs zurück in norddeutsches Ackerland. Dem Spaß tat das Wetter bei den meisten Besuchern keinen Abbruch – bei mir schon…

Mit den negativen Wetteraussichten aber auch mit der Hoffnung, dass das schon nicht so schlimm werden würde, ging es Montagabend wie gewohnt nach Voerde zu Silke und Reinhard und von dort dann mit dem Wohnwagen über Nacht nach Wacken. Da uns diesmal keine Vollsperrung der Autobahn wie 2014 erwartete, landeten wir sehr früh am Dienstagmorgen auf dem Acker der (Alp-)Träume und wurden von verschlafenen Ordnern auf den Campground A gelassen, wo wiederum das Handicap-Field auf uns wartete. Doch schon an der unteren Zufahrt des Areals wurde es problematisch, denn trotz Schneegang gelang es Silke nicht, Auto und Camper auf den Platz zu bugsieren. Schieben war angesagt und die Schinderei dauerte trotz hilfreicher Hände gut und gerne eine halbe Stunde, bis wir unseren endgültigen Standort zur anstehenden Versumpfung erreicht hatten. Der Bereich war eigentlich reserviert von einer Firma für Rehaangebote aus der Umgebung, doch die Abgrenzung war dermassen dürftig und nachts kaum zu erkennen, so dass uns der Chef der Firma unser mühevoll erarbeitetes Asyl nicht nehmen wollte. Daher hatten wir – wie schon im Vorjahr – so ziemlich Pole Position an der Dorfstraße!

Kurze Zeit später standen Zelt und Wohnwagen, war das erste Bier getrunken und der Regen hatte glücklicherweise sogar eine Pause eingelegt, während wir werkelten. Daher machten wir uns gegen halb fünf auf den Weg zur Bandausgabe, was mit Silke im E-Rollstuhl bedeutete: Finden wir mal gemeinsam einen Weg über matschige Äcker und überflutete Feldwege quer über das Areal zur Wacken Plaza! Nun, es gelang uns am Ende tatsächlich, hin- und wieder zurückzukommen. Allerdings war das nur unter Mithilfe der Ordnungskräfte möglich, die uns zunächst die asphaltierten Versorgungswege nutzen ließen und dann freie Passage durch den Backstagebereich des Bullhead City Circus und das noch gesperrte Wackinger Village gewährten. So hatten wir nach mehr als eineinhalb Stunden auch das zweite Abenteuer des WOA 2015 erfolgreich absolviert und uns ein Frühstück redlich verdient! Auch beim anschließenden traditionellen Dorfgang waren wir früh dran und ergatterten ohne Mühe unsere Festivalshirts. Mehr von Wacken-City schenkten Reinhard und ich uns diesmal jedoch, während Katja und Silke das Outlet am anderen Ende des Dorfs besuchten. Das Schöne an der Dorfstraße ist ja, dass dort immer etwas los ist und wir schnell neue Leute kennenlernen. So wurde der Dienstag trotz Müdigkeit nicht langweilig und auch der wieder stark einsetzende Regen hinderte uns erst Abends am gemütlichen Sitzen am Wegesrand. Bei Jägermeister, Bier und Karten endete der “Wartetag” gemütlich im Wohnwagen. Mir jedoch wäre es draussen deutlich lieber gewesen, denn einiges an Flair ging durch das Mistwetter schon hier verloren.

Der Mittwoch startete nach dem Frühstück wie gewohnt mit dem gemeinsamen Besuch des Metalmarkts, dessen Boden sich im Dauerregen quasi beim Zuschauen in Matsch verwandelte und an den Stellen, die ohnehin schon vom Aufbau des Areals in Mitleidenschaft gezogen worden waren, einen bösen Ausblick auf die kommenden Sumpftage lieferte. In den kommenden Tagen sollten sich zwei Trends durchsetzen: Gummistiefel und Regenjacken. Besonders erstere waren so begehrt, dass ratzfatz sold out gemeldet wurde und ein großer Schuh- und Stiefelfriedhof auf dem Metalmarkt entstand. Noch mehr Regen und die ersten Besucher hätten sicherlich flächendeckend Gummiboote geordert. Schon Mittwochmittag, beim gemütlichen Grillen, wurde klar, dass für Silke die kommenden Tage beschwerlich werden würden und – so viel vorweg – am Donnerstag konnte sie unseren Platz nicht verlassen. Sumpf war leider Trumpf und der Weg zu den Bühnen nicht zu bewältigen. Schade, aber höhere Gewalt. Für Katja und mich ging es ab ins große Zelt, denn der Mittwoch war qualitativ aufgewertet worden und bot ausser dem üblichen Metal Battle schon das ein oder andere Highlight am ersten Festivaltag!

Wie schon im Vorjahr sollte Jon Diva mit seinen Rockets of Love meinen Startschuß in den musikalischen Teil des Festivals bilden, doch der absolute Geheimtipp anna 2014 hatte sich herumgesprochen und das Zelt war schon richtig voll, als wir ankamen. Musikalisch konnte die Band nichts falsch machen: Songs von Guns ‘n Roses, Poison, Bon Jovi, Twisted Sister und andere Tophits aus den 80er und 90er Jahren gehen eben immer! Zusammen mit meinem Bruder und einem Großteil seiner Gruppe, die Katja nun im dritten Anlauf endlich etwas kennenlernen durfte, hatten wir richtig Spaß und selbst der Comedy-Metal-Kram der Grailknights störte die gute Laune nicht weiter. Wenn man nicht auf die Texte hört, bleibt ordentlich Dampf in den Ohren hängen und Zeit zum Bierholen. Und lockere zwanzig Minuten gingen da schon drauf, so voll war es im Zelt. Daher fiel meine Wahl auch gleich auf den Ein-Liter-Becher samt Becks-Füllung. Mambo Kurt schaffte es dann aber doch, der Stimmung mit seinem immer gleichen Programm einen herben Dämpfer zu versetzen und auch New Model Army wurden ihrem durchaus großen Namen nur bei ihren Fans gerecht. Uli Jon Roth war es vorbehalten, mit schnörkellosen und gut hörbaren Stücken für einen gelungenen Übergang zum Headliner des Abends zu sorgen: Europe.

Nicht wenige hatten die Schweden im Vorfeld auf “Final Countdown” reduziert, doch sie wurden in der kommenden Eineinviertelstunde eines besseren belehrt, denn neben dem Evergreen, der natürlich als letztes gespielt wurde, hatten die Skandinavier eine Reihe toller Songs in der Setlist und vor allem die neuen Songs vom aktuellen Album waren spitzenklasse. So geht Headliner! Mit der eingängigen Melodie im Ohr und dem dazu gesungenen Wort “Zyklopenspieß” ging es zu sechst (der verbliebene Rest, alle anderen hatten definitiv ein erstes Highlight verpasst) zurück zum Camp meines Bruders, das jedoch seiner Pavillons bereits verlustig gegangen war und vor dem Starkregen des Abends in die Zelte verschwunden war. Wir kehrten bei Nachbarn mit passenderer Unterkunft ein, doch nach einer Stunde schlug ich mich durch die Fluten – kein anderes Wort passte zu diesem Zeitpunkt mehr für die Regenmassen in der Luft und auf dem Boden – querfeldein zurück zu meinem Zelt durch. Im prasselnden Regen ließ es sich hervorragend schlafen, denn Generatoren waren nicht zu hören und auch laute Musik wurde prima gedämpft. Am Donnerstag sollte es auf den Hauptbühnen losgehen, aber mehr davon beim nächsten Mal!

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