Wacken 2015 – Sumpf war Trumpf, Teil II

Ohne sommerliche Wärme, die einen zur besten Jahreszeit unter Garantie irgendwann aus dem Zelt treibt, und stattdessen unter fortdauernden Regen unter halbwegs festen Unterständen gefangen, tat ich am Donnerstagmorgen etwas, was in den vier Jahren Wacken Open Air zuvor nie vorgekommen war: Ich las in aller Ruhe ein Buch, stundenlang. Nichts trieb mich in den Regen hinaus, wobei der Weg ohnehin nur in den Wohnwagen schräg gegenüber geführt hätte, da unter dem Pavillon der trockene Raum äusserst gering ausfiel. Damit blieb der sonst übliche Besuch bei meinem Bruder ebenso aus, wie der Weg ins Wackinger Village. Ohnehin war nach dieser Sintflutnacht an einem Starkregenvormittag nicht viel an Wanderung zwischen den einzelnen Attraktionen zu denken. Silke war komplett an den Wohnwagen gefesselt, da weder Rollstuhl noch Rollator bei Modder und Matsch ihren Dienst versehen wollten und die Laune bei uns erreichte einen weiteren Tiefpunkt. Skyline ließ ich diesmal links liegen und ging erst zu U.D.O samt Bundeswehrmusikkorps in das Infield, das optisch schon nach wenigen Minuten trotz vieler Bemühungen der Organisatoren kaum noch von den Zuständen auf dem Metalmarkt und den Wegen auf den Campingplätzen zu unterscheiden war – Sumpf war eben Trumpf 2015 in Wacken.

Opa Dirkschneider samt Anhang konnten daher nicht gegen meine miese Laune ankommen und gewannen keinen Blumentopf. Hier und da war es sicher ganz nett, aber unter dem Strich sagte mir das Teutonic-Metal-Urgestein auch im zweiten Versuch nicht zu. Mehr versprochen hatte ich mir von In Extremo, doch auch die eigentliche Stimmungsgarantie aus dem Mittelalterrock-Spektrum zündete trotz ihrer üblichen Feuerspiele auf der Bühne bei mir diesmal nicht wirklich. Nach einem kurzen Abstecher zum Merchandise-Stand und einem Happen für den Magen gingen einige von uns – ich hatte die Gruppe meines Bruders getroffen – zu Dark Tranquility ins Zelt. Ohne Regen von oben und Schlamm oder Wasser von unten (naja, zumindest teilweise, denn die rechte Seite des Zeltes stand knöcheltief unter Wasser) stieg gleich die Stimmung und die Schweden konnten auch musikalisch trotz einiger Sounddefizite überzeugen. Der Weg zurück ins Infield wurde zur Geduldprobe, denn der Abfluss der Besucher sollte über den Campingplatz und nicht über die Plaza erfolgen, doch die Ordner fanden keinen Weg, das der Masse kundzutun. Stattdessen gab es ein heftiges Gedränge, auf das nicht mit “open gates” reagiert wurde, sondern das minutenlang vor sich hin wogte. Wir schenkten uns das, entdeckten den offenen Notausgang Richtung Campingplatz und äusserten dort Kritik zum Vorgehen, wurden aber brüsk abgewiesen á la “Wir haben das schon im Griff, erzählt uns nichts”. Naja, egal…

Während Stefan sich noch aufregte, kehrten wir ins mittlerweile trotz Wind und Wetter gut gefüllte Infield zurück und wurden verzaubert: Savatage gaben ihr Bühnencomeback nach vielen Jahren zum Besten und erzeugten schon mit ihrem Intro zu “Gutter Ballet” Gänsehaut pur bei mir! Hit auf Hit folgte für eine Dreiviertelstunde und es hätte gerne so weitergehen können, doch es war ja eine Doppelshow und das Trans Siberian Orchestra übernahm. Mit gefiel auch dieser Aspekt des Schaffens der Savatage-Musiker, doch hatte er seine Längen. Himmlisch waren noch “Believe” und vor allem “The Hourglass”, mein Lieblingssong der Amis! Auch wenn es stimmungsmässig mit TSO etwas bergab ging, so war das unter dem Strich Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau, denn als beide Bühnen mit einer gewaltigen und weltweit noch nie erreichten Video-und-Licht-Show gleichzeitig bespielt wurden, war allen klar, dass wir gerade ein absolutes, über zwei Stunden langes Meisterwerk bestaunen durften. Es dürfte schwer sein, dieses epische Event in Wacken noch zu toppen!

Am Freitag besserte sich endlich auch das Wetter, der Regen ließ nach und die Sonne schickte sich an, zumindest einen Teil an Wiedergutmachung zu leisten. Doch eines vorweg: Sie verlor den Kampf am Freitag noch klar nach Punkten, denn Matsch und Modder wollten sich nicht geschlagen geben. Merkwürdig war auch, dass ich das Regen-Wacken ohne Ponchogebrauch absolvierte, obwohl die Regenjacke mehr als einmal kapitulierte. Trocken war am Ende kaum noch ein Kleidungsstück, aber so war das eben dieses Jahr. Im Gegensatz zum langsamen Start am Vortag ging es für mich diesmal quasi aus dem Zelt direkt vor die Bühne, denn Ensiferum spielten schon mittags. Als eine meiner Lieblingsbands habe ich die Finnen schon einige Male gesehen, so dass sich dieser Auftritt leider in die Kategorie “eher mässig” einordnen ließ. Der Sound war und blieb einfach – wie passend – zu matschig, die Stimmung dementsprechend verhalten. Falconer spielten dann auf der Party Stage und hatten immer wieder mit der Technik zu kämpfen, doch da der Auftritt einer der letzten der Band war, blieb ich bis zum Ende dort. War irgendwie komisch, auch wenn es hier und da zu gefallen wusste, und im Ohr blieb auch nichts hängen, von dem ich heute berichten kann. Kvelertak machten anschließend wieder gehörig Krach und wummerten dank dreier Gitarren gewaltig, doch verstanden habe ich das Konzept und den Stil der Band auch beim zweiten Mal nicht. Egal, ab zu At The Gates und die erste Death-Metal-Kelle des Wochenendes abholen. Die Schweden hatten erst unlängst ihr Comeback gefeiert und bewiesen in Wacken zu Recht, warum sie einen so guten Ruf besitzen! Wiederum im Hintergrund vom Jägermeisterstand aus verfolgte ich Queensryche, naja, kann man machen, muss man aber nicht. Keine Frage, dass angepunkter Thrash-Metal im Anschluß deutlich massentauglicher war und Annihilator setzten dort an, wo sie vor zwei Jahren aufgehört hatten und fegten über die Party Stage. Toller Auftritt!

Das gelang anschließend auch Dream Theater, einer meiner Lieblingsbands. Zuvor hatte ich mir Sorgen gemacht, dass die progressiven Stücke auf einem Festival nicht so passend sein würden, doch den Amerikanern gelang es über weite Strecken doch recht gut, den Frickelanteil ihrer Songs in Grenzen zu halten. War schön, die sehr selten in Europa spielende Band mal live sehen zu dürfen, keine Frage. Kurz zurück am Zelt – wo ich einen zweiten Pullover anziehen musste, denn es war sehr kühl, wenn auch endlich trocken von oben – packte ich Katja und Christian, einen Bekannten vom Metalfest 2014, ein, denn In Flames standen als Headliner auf dem Programm. Leider kamen wir im dichten Gedränge und bei einsetzender Dunkelheit im immer hartnäckigeren Matsch nicht mehr nah genug vor die Bühne, so dass wir von einer tollen Setlist nur wenig mitbekamen. Wir standen auf Höhe der rechten Leinwand und bekamen schon dort kaum noch was von den Songs mit. Ein absoluter Reinfall war das Konzert allerdings nicht, denn ich hatte nach dem umstrittenen jüngsten Album der Schweden Schlimmeres erwartet. Einzig und allein der Schlammsatan nervte und ich war froh, dass ich vor der Black Stage bei Running Wild festgetretenen Boden vorfand! Die Hamburger Jungs gaben ebenfalls ihr Comeback in Wacken und wussten über weite Strecken zu gefallen, auch wenn sie einige der von allen erwarteten Hits nicht spielten. Bei mir gab es daher Abzüge in der B-Note für den Verzicht auf “Black Hand Inn” und nur die letzte Zugabe “Little Big Horn” zerstreute den faden Beigeschmack einer merkwürdigen Setlist.

Der Samstag stand an und endlich setzte sich das gelbe Rund gegen die grauen Wolken durch! Es wurde deutlich angenehmer, von einem Ort zum anderen zu kommen, und auch Silke hatte schließlich noch etwas vom Festival, nachdem sie sich freitags lediglich zu einer Band ins Zelt gequält hatte. Das freute mich für sie mindestens ebenso sehr, wie der Auftritt von Kataklysm zur Mittagsstunde zu einem Gourmet-Komplettabriss wurde! Riesige Matsch-Circle-Pits, mehrere zehntausend Zuschauer und eine nahezu perfekte Setlist machten den Gig der Kanadier zu einem Hammererlebnis – und das sage ich nicht nur als Fan. Vom ersten bis zum letzten Akkord gab es die zweite Death-Metal-Kelle des Festivals, sogar mit Nachschlag sozusagen. Einfach ein großartiges Konzert und unter meinen Top 3 in 2015! Ich freue mich schon jetzt auf ihre Tour im Februar. Katja und Silke traf ich bei Powerwolf, doch im Vergleich zu Kataklysm war der Auftritt nicht so fesselnd. Wahrscheinlich lag das daran, dass ich die Band eine Woche zuvor gesehen hatte und insgesamt schon ein halbes Dutzend mal. Während also viele Zuschauer die Saarbrücker abfeierten, erfreute ich mich an Details wie neuen Ansagen und dem lustigen Circle Pit rückwärts, den Sänger Attila einforderte und bekam. Abends sollte es noch ein Déjà Vu ähnlicher Art geben, aber zuvor stand Amorphis auf dem Plan, die ihr Erfolgsalbum “Tales from the Thousand Lakes” in voller Länge spielten. Das machte anfangs auch Spaß und Laune, vor allem weil die Sonne nun endlich ihren Hauptaufgaben – Boden toasten, Sonnenbrand erzeugen und Schweiß fließen lassen – nachkam, doch mit zunehmender Dauer des Auftritts dominierte doch das Gefühl, einfach zu Hause die CD einzuschmeißen wäre ähnlich effektiv gewesen. Ich hielt trotzdem durch und holte anschließend meine Runde durch das Wackinger Village nach. Zum einen, um zu essen, denn dort gibt es immer das beste Preis-Leistungsverhältnis beim WOA. Zum anderen aber auch, um Skilltron zu sehen. Eine argentinische Band die mit Dudelsack und Gitarre schottische Kriegslieder zum besten gibt klingt zunächst schräg, passt aber sehr gut zusammen. Allerdings gab die Bühne der Band zu wenig Raum und auch der Sound war mau. Bitte bald mehr davon auf der Partystage! Allerdings erwischte mich genau hier die dickste Krise des Festivals, denn mir taten die Füße weh, der Magen drückte und ich wollte mich nur noch setzen. Also ging es zurück zum Zelt, wo Katja mir die ersten Bands für 2016 vorlas. Meine erste Reaktion war niederschmetternd, denn da war bis auf wenige Bands nichts für mich dabei. Ein meganerviges Schlammorama gekrönt von einem potentiell mageren Billing im kommenden Jahr, das ergab für mich erst einmal ein klares “njet”. Naja, die Karten haben wir trotzdem gekauft…

Auf den Bühnen warteten noch Sabaton – das oben erwähnte Déjà Vu, auch wenn mir die Schweden besser gefielen als die Wölfe. Naja, zu letzteren kam ich von einem Stimmungshöhepunkt, zur Power-Metal-Kriegerschar aus einem persönlichen Tief. Lag also wohl daran, dass mir trotz der nervigen “Noch ein Bier”- die musikalische Geschichte besser mundete. Und dann war da ja natürlich noch Judas Priest! Das hätte ich vor dem Auftritt so nicht geschrieben, doch nach dem Konzert der Metal-Legende kann ich mit Fug und Recht behaupten: Das war mein Highlight und ein toller Abschluß eines doch so wechselhaften Festivals. Schon einmal hatte ich Halford und Co. in Wacken erlebt und damals lief es unter “naja, ganz nett”, doch was die Briten dieses Jahr auffuhren, das war phänomenal. Hits am Fließband, eine Lautstärke genau an der Schmerzgrenze, super Sound und ein bestens aufgelegter Sänger – da passte einfach alles! Keine Frage, dass ich mir den Rest – Subway to Sally wäre noch eine Option gewesen – schenkte und im Gefühl des siebten Metalhimmels unseren Zeltplatz aufsuchte und mir Santiano und Subway to Sally bequem aus der Ferne anhörte. 2015 war insgesamt ein Auf und Ab für mich, sowohl vom Wetter und der persönlichen Stimmung, als auch musikalisch. Abschließend möchte ich mich bei allen entschuldigen, die ich mit meiner schlechten Laune gestört und genervt habe, sorry! Mein sechstes Wacken Open Air im kommenden Jahr bringt nun also Blind Guardian, Orden Ogan, Unisonic, Legion of the Damned und Eluveitie – doch es besteht ja noch Hoffnung auf mehr. In dem Sinne: See you in Wacken, rain (bitte nicht) or shine (mehr davon bitte)!

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