Auf einmal ist die Welt ganz klein

Keine zehn Jahre ist es her, da war die “Welt zu Gast bei Freunden”. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 nutzte Deutschland die große Weltbühne, um sich als offen, tolerant, freundlich und modern zu präsentieren. Keine zehn Jahre später ist das anders: Kreise innerhalb der CSU überlegen ernsthaft, wie Ungarn eine Mauer zu bauen, um unliebsame Einwanderer, Asylsuchende zumeist, abzuweisen. Die ach so tolerante Gesellschaft folgt in beträchtlicher Zahl den Aufrufen zu tendenziell bis eindeutig fremdenfeindlichen Kundgebungen und ein großer Protest gegen gefühlt täglich brennende, potentielle Asylunterkünfte bleibt aus. Freundlich ist diese Fratze der Ewiggestrigen und leicht zu Beeinflussenden schon lange nicht mehr und auch modern geht anders, denn das demonstrierte Weltbild ist ein anderes: Deutschland den Deutschen, wir haben schon genug Ausländer, die nehmen uns unsere Arbeit weg, unsere Frauen, islamisieren unsere Kinder und bringen den Terror nach Deutschland. Islamophobie und Fremdenhass gehen eine unheilige Allianz ein, die sich die Rettung des Abendlandes auf die Fahnen schreibt, letztlich aber beginnt, an dessen Grundpfeilern zu sägen. Nein, die Welt ist nicht mehr zu Gast bei Freunden. Auch wenn die Welt für die große Anzahl der Flüchtlinge schon viel zu weit gegriffen ist, denn “Syrien zu Gast bei Freunden” hätte es auch getan. Doch selbst das ist den patriotischen Fahnenschwenkern, denn das tun sie auch heute noch gerne bei ihren Kundgebungen, nun schon zu viel. Keine zehn Jahre nach der Weltmeisterschaft zeigt Deutschland ein anderes Bild als das, was es 2006 so hervorragend zu inszenieren vermochte.

Natürlich ist die Zahl der Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, eine enorme Herausforderung für unseren Staat. Natürlich gibt es keinen Masterplan der Regierung und alle Parteien navigieren derzeit orientierungslos durch die eigene Meinungsfindung. Natürlich ist der innere Kompass einer Gesellschaft aus dem Ruder gelaufen, wenn plötzlich mehr als eine Million Menschen ins Land strömen und um Hilfe schreien. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis wir die Lage in den Griff bekommen haben. Doch unser Land ist stark genug, auch eine Führungsrolle in der Flüchtlingskrise zu spielen – ohne, dass dabei unsere Identität verloren geht. Wobei: Vielleicht wäre das das Beste, was Deutschland passieren könnte. Schon heute ist der Anteil an Bundesbürgern mit Migrationshintergrund oder verwandtschaftlichen Bindungen zu nicht Deutschstämmigen groß, vielleicht ist eine Überfremdung des “Deutschtums” der Schlüssel, um endlich das Menetekel des Nationalismus aus dem Denken zu verdrängen. Vielleicht ist es an der Zeit, die deutsche Identität zugunsten einer weltoffenen und europäischen abzustreifen? Naja, zurück zum Kern des Problems und das ist hausgemacht. Die meisten Proteste und Demonstrationen gegen die Asylsuchenden formieren sich dort, wo es prozentual die wenigsten Migranten und Ausländer gibt, nämlich in den neuen Bundesländern. Regionen mit großer Migrationsvergangenheit, wie Nordrhein-Westfalen oder die Großstädte sind in dieser Hinsicht viel unauffälliger, wahrscheinlich weil sie auf keine neue Situation treffen und schon lange weiter in der gegenseitigen Assimilation fortgeschritten sind. Wir haben Gastarbeiter aus der Türkei, Portugal oder Italien integriert (ok, weitgehend lediglich, denn im Zuge von 9/11 und IS werden selbst Türken mit deutschem Pass wieder “die Anderen”, wenn man Leserbriefe und Onlinekommentare liest), in den 90ern Menschen aus dem vormaligen Jugoslawien aufgenommen und immer wieder kleineren Kontingenten an Asylanten aus aller Welt ein neues Zuhause gegeben. Wenn nun in Dresden oder Erfurt bei verschwindend geringem Ausländeranteil gegen Flüchtlinge demonstriert wird, dann ist das in doppelter Hinsicht Angst: Angst vor dem “Anderen” und Angst um den eigenen Status, der ohnehin in sozialschwachen Regionen angeschlagen ist.

Der Fokus der Entscheidungsträger muss also über den faktischen und pragmatischen Umgang mit der Flüchtlingswelle hinausgehen und den Protestierenden und Demonstranten mit Aufklärung und Kommunikation begegnen. Die gängigsten Stereotypen sind doch einfach zu wiederlegen. Es kommen nicht massenhaft islamistische Terroristen in unser Land, sondern ein großer Teil flieht genau vor diesen Fundamentalisten und/oder vor einem irren Diktator. Natürlich kann es Einzelfälle geben, aber die gibt es immer. Das Gros der Asylanten will einfach wieder sicher und in Frieden leben – und stößt hier zu oft, wenn auch natürlich zum Glück nicht nur, auf brennende Unterkünfte und Ablehnung. Die Flüchtlinge sind finanziell nicht besser gestellt als Hartz-IV-Empfänger und jedem, der von obdachlosen Deutschen spricht, denen nicht geholfen wird, dem mag man zurufen: In diesem Land ist man nie ohne Grund obdachlos. Wer Hilfe braucht, dem wird geholfen! Die Asylsuchenden bekommen deutlich weniger an Bargeld und erhalten in der Regel Bezugsscheine. Die Angst vor Besserstellung der “Neuen” ist also ebenso von der Hand zu weisen, wie die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust. Solange sein Aufenthaltsstatus unsicher ist, kann kein Asylbewerber in unserem Land arbeiten. Und wenn Arbeitnehmer in unserem Land bleiben dürfen, dann haben sie in der Regel noch Sprachdefizite auszugleichen und sich neu- oder nachzuqualifizieren. Aber auch hier muss ein verquertes Bild zurecht gerückt werden, denn die meisten der Flüchtlinge sind – anders als die zuhauf und mit Leistungsanspruch in unsere Behörden strömenden Rumänen und Bulgaren – keine Wirtschaftsflüchtlinge. Sie wurden aus ihrem normalen Arbeits- und Berufsleben herausgerissen und spiegeln den Querschnitt einer vollkommen heterogenen Stadt- und Landbevölkerung wieder. Wir reden nicht wie bei den Gastarbeitern damals von einer Unzahl an (Achtung, absichtliche Übertreibung und nicht böse gemeint) ungelernten und ungebildeten Bauern aus Hinteranatolien, sondern von Ärzten, Handwerkern, Selbständigen und Beamten. Wenn einer von diesen Menschen einem Deutschen seinen Platz wegnimmt, dann einfach deshalb, weil er höher qualifiziert ist. Auch das hat jeder in unserem Land in seiner eigenen Hand! Und zu guter Letzt: Wer sagt denn eigentlich, dass alle Syrer dauerhaft in Deutschland bleiben werden? Richtig…

Ich hoffe, dass es der Politik gelingt, diese Situation an beiden “Fronten” zu bewältigen, also Unterkunft und Hilfe auf der einen, sowie Aufklärung und Richtigstellung auf der anderen zu liefern. Daran wird die Bundesregierung gemessen werden, doch ich bin mir sicher, dass Deutschland stark genug ist, die in der Tat großen Probleme zu bewältigen. Meine Meinung dazu ist klar: Jedem, der in existenzieller Not zu uns kommt, dem muss geholfen werden. Allen anderen, die nur wegen der Kohle und der Sozialsystem kommen, denen gilt die Tür gewiesen! Hoffentlich gelingt es unserem Land, den Grundbedürfnissen aller Flüchtlinge gerecht zu werden: Ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Teller, Kleidung am Körper und vor allem eines: Ruhe und Frieden. Auch vor uns Deutschen…

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