Von Rattenfängern und Soziopathen

Am gestrigen Samstag feierten hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Menschen in der Türkei den Jahrestag des gescheiterten Putsches vom 15.07.2016. Doch sie feierten nicht nur die Rolle der Bevölkerung bei der Niederschlagung dieses Umsturzversuches, sondern auch ihren Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Dieser fand einmal mehr harsche Worte, will “den Verrätern den Kopf abreißen”, ein mögliches Gesetz zur Wiedereinführung der Todesstrafe unterzeichnen und die Putschisten in “Uniformen wie in Guantanamo” stecken. Vor etwas mehr als einem Jahr, noch vor dem Putsch, habe ich Erdogan als den kranken Mann am Bosporus bezeichnet (wer mag, scrollt einfach ein wenig nach unten). Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, was dieser Mann in dieser Zeit alles auf den Kopf stellen könnte. Leider fehlt mir dadurch nun eine passende Überschrift für diesen Artikel, aber da fällt mir schon noch was ein.

Es spricht vieles dafür, dass der Angriff auf die Herrschaft Erdogans und seiner AKP durch die Gülen-Bewegung unterstützt, wenn nicht sogar durchgeführt worden ist. Vermutlich kamen die Putschisten einer Entdeckung ihrer Pläne zuvor oder waren bereits verraten, als ihr Umsturzversuch an treuen Offizieren und Soldaten, aber auch an der Bevölkerung der Türkei scheiterte. Und er scheiterte krachend, so dass der Tag gestern vollkommen zu Recht als Feier eines Sieges der Demokratie begangen wurde. Doch nicht Erdogan hat die Demokratie gerettet, sondern die mutigen Menschen auf der Straße! Es spricht nämlich auch vieles dafür, dass Erdogan schon Tage zuvor Kenntnis von den Vorgängen hatte, sie jedoch nicht stoppen konnte oder wollte. Er befand sich zum Zeitpunkt des Putsches nicht in Instanbul, war in Sicherheit und meldete sich erst nach Stunden bangen Wartens aus dem Off, nur um sogleich die Bevölkerung zum Widerstand gegen die Putschisten aufzurufen. Er schickte Bürger gegen Panzer, nahm billigend in Kauf, dass Tausende sterben würden, wenn die Aufständischen nicht sofort aufgeben würden. Das taten sie jedoch schnell, der Sieg der Demokratie war geboren, ebenso die Märtyrer des 15. Juni und Erdogan als Retter der Nation.

Doch die Demokratie hatte nur temporär gesiegt, denn demokratische Strukturen waren bereits wenige Tage später obsolet. Erdogan ließ den Notstand ausrufen, die Putschisten und ihre möglichen Hintermänner verhaften, reinigte den Armee-, Beamten- und Justizapparat, verbot und zensierte oppositionelle Medien, ging erneut massiv gegen Kurden und politische Opposition vor, brachte die Todesstrafe ins Spiel und ersetzte schließlich auch noch die demokratische Gewaltenteilung durch ein autokratisches Herrschaftssystem. Dafür instrumentalisierte er den Putsch, nutzte ihn als Legitimation und schwor die Bevölkerung auf sich ein. Es fällt mir schwer, an dieser Stelle nicht das Wort Führer zu benutzen, doch nicht anders wirkt auf mich die Begeisterung vieler Türken daheim und auch in Deutschland. Es gibt nur wenige Menschen, die ihm gegenüber neutral verblieben sind. Entweder ist jemand auf seiner Seite und verzeiht ihm alle Angriffe mit der Heckenschere auf die Demokratie, oder kann sich als Gegner seiner Politik nicht mehr frei bewegen und äußern, läuft jederzeit Gefahr verhaftet zu werden. Längst sitzen nicht nur Putschisten und Verschwörer ohne Prozess hinter Gittern, sondern auch viele Menschen, die offen ihre Meinung sagten oder vermeintlich auf der falschen Seite standen. Der Notstand macht es möglich und wird seitdem beliebig verlängert, um die zehn- bis hunderttausende Andersdenkende inhaftiert zu belassen.

Mir ist klar, dass meine Meinung vielen Türken in unserem Land nicht gefallen wird und dass meine Chancen auf einen Türkeiurlaub – nicht dass ich darauf derzeit sonderlich viel Wert legen würde – sehr gering werden. Aber es war gestern Abend sehr schwer für mich, die vielen Postings auf Facebook zu ignorieren, die Erdogan und seine menschenverachtende Politik in Massen auf den Straßen feierten. Diese mit “gefällt mir” versehenen Beiträge von Staatsmedien bis hin zur sich martialisch äußernden Fußballnationalmannschaft gaben mir zu denken und es war bitter zu lesen, welche Menschen auf meiner Freundesliste diese Beiträge teilten und damit ihre Zustimmung signalisierten. Leute, macht doch die Augen auf! Ich habe noch nicht einmal über die Außenpolitik Erdogans sprechen müssen und dieser Beitrag – wohl auch nicht ohne Grund der erste seit langer Zeit auf meiner Seite – trieft vor Ablehnung und Unglaube über die Naivität der türkischen Bevölkerung. Ihr lauft einem Rattenfänger hinterher, der euer Land umkrempelt und kaum einen Stein auf dem anderen lässt. Alles was Erdogan tut wirkt inszeniert, selbst die Gewährung des Massenprotestes der Opposition vor wenigen Tagen wirkte auf mich nur wie ein “Schaut her, wir sind eine Musterdemokratie”. Erdogan ist manipulativ, auf den eigenen Vorteil aus und in seinem Verhalten unberechenbar. Die Langzeitfolgen für die Türkei sind nicht absehbar, aber er spaltet Land und Bevölkerung vermutlich auf Jahrzehnte hinaus.

Ich kann verstehen, dass der Wunsch nach einem starken Mann aus der türkischen Geschichte heraus Sinn macht.
Ich kann verstehen, dass die Europäische Union euch hingehalten hat bei den Beitrittsverhandlungen.
Ich kann verstehen, dass der Frust über eure nie vollständig erfolgte Akzeptanz in der neuen Heimat groß ist.
Ich kann verstehen, dass das Erstarken nationalistischer Kräfte in Deutschland durch Pegida und AfD eure Hoffnung auf Akzeptanz konterkariert.
Ich kann verstehen, dass ihr durch den Missbrauch eurer Religion durch die Islamisten Anfeindungen ausgesetzt seid.
Ich kann verstehen, dass eure Hinwendung zu Erdogan aus der Abwendung von euren neuen Heimantändern erfolgt.
Ich kann verstehen, dass alle genannten Gründe zu einer gesellschaftlichen Abschottung und Rückbesinnung auf religiöse Traditionen führen.

Aber ich kann verdammt nochmal nicht verstehen, dass die Lösung für eure Probleme ein paranoider Soziopath wie Erdogan sein soll!

Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Sichtweise bei vielen türkischstämmigen Mitbürgern und Freunden massiv anecken werde. Aber ich kann zu diesem Thema nicht schweigen und würde mich selbstverständlich über eine rege Diskussion freuen!

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